Apotheke am Neumarkt

Köln, 2013

Rainer Kassubek sprach selbst von einer „unverwüstlichen Apotheke“. Ein Begriff, der zunächst beinahe technisch wirkt und dessen eigentliche Bedeutung sich erst beim Blick auf die Geschichte dieses Projekts erschließt. Die Apotheke sollte nicht nur den täglichen Belastungen standhalten, sondern über Jahrzehnte hinweg ihren hohen Qualitätsanspruch bewahren – gestalterisch, funktional und handwerklich. Dass dies gelungen ist, lässt sich bis heute eindrucksvoll nachvollziehen.

Als Ende der neunziger Jahre der Standort zwischen Schildergasse, Neumarkt-Galerie und PAN-Klinik entwickelt wurde, war das Potenzial enorm. Gleichzeitig war die Fläche schwierig: eine schmale, lange Offizin mit Eingängen an beiden Schmalseiten, Lager und Automat im Obergeschoss und nur einer Ausgabe in die Offizin. Jeder Weg und jeder unnötige Handgriff würde sich später tausendfach wiederholen.

Es ging also nicht darum, einfach nur eine schöne Apotheke zu entwerfen.

Es ging darum, einen Ort zu schaffen, der über Jahrzehnte hinweg außergewöhnliche Kundenzahlen bewältigen und dabei seine Qualität bewahren sollte.

Der acht Meter lange HV-Tisch wurde zum Rückgrat des Raumes. Er ist nicht nur Verkaufstresen, sondern Ort der Kommunikation. Die fast acht Meter lange Sichtwahl entwickelt sich aus einem Raster aus massivem Ahorn und schwarz gepulvertem Stahl. Die Schubkästen für die Schnelldreher und der Handverkaufstisch selbst sind aus fugenlos verarbeitetem schwarzem Corian gefertigt. Die raumhohe Natursteinwand gegenüber nimmt die Freiwahl in eingelassenen Nischen auf. Nichts steht im Weg, nichts verstellt den Raum.

Die Wahl der Materialien folgte dabei nie nur einem einzigen Gedanken.

Der schwarze Mineralwerkstoff verleiht dem Raum seine geradlinige, glasklare Sprache und spiegelt gleichzeitig den Charakter des Bauherrn wider. Zugleich bewährt er sich im täglichen Betrieb. Abrieb von Schuhen am Sockel fällt kaum auf, ebenso wenig die Spuren zahlloser Medikamentenschachteln oder Münzen auf den Arbeitsflächen. Wo andere Oberflächen ersetzt werden müssten, lässt sich Corian wieder schleifen und aufpolieren.

Im Zentrum wird diese sachliche Klarheit bewusst gebrochen.

Der Mosaikbrunnen aus der Hand des Künstlers Lino Linossi setzt dazu den sinnlichen Gegenpol. Kühlendes Wasser und tiefes Blau treffen auf Sonnenschein in warmen Gelbtönen. Die unregelmäßige Struktur der handgeschlagenen Smalten lebt vom wechselnden Licht und bildet einen bewussten Kontrast zu den präzisen, glatten Flächen des schwarzen Corians. Auch die regelmäßig wechselnden Blumengestecke gehörten zu diesem Qualitätsanspruch. Sie waren Ausdruck der Wertschätzung des Apothekers gegenüber seinen Kunden.

Gerade darin zeigt sich eine Qualität, die man einer Apotheke nach vielen Millionen Kunden ansieht – oder eben nicht ansieht.

Fünfzehn Jahre lang funktionierte dieses Konzept so überzeugend, dass kaum Anlass bestand, etwas daran zu verändern.

Dann kam 2013 die Umgestaltung der Neumarkt-Galerie.

Durch den Wegfall einer Rolltreppe und die Begradigung der inneren Fassade wurden der Apotheke rund 25 Quadratmeter zusätzliche Fläche zugeschlagen. Für den Betreiber stellte sich plötzlich eine Frage, die er sich nie hatte stellen wollen: Wie erweitert man eine Apotheke, die hervorragend funktioniert, ohne sie zu verschlechtern?

Die Antwort bestand nicht darin, einen funktionierenden Entwurf zu verändern. Sie bestand darin, ihn so weiterzuschreiben, dass aus einer erzwungenen Erweiterung ein gestalterischer und funktionaler Mehrwert entstand.

Der schwarze Granitboden wurde ergänzt, ohne dass heute noch zu erkennen ist, wo der ursprüngliche Boden endet. Der HV-Tisch wurde an beiden Kopfenden um zwei zusätzliche Kassenplätze erweitert und erhielt vollflächig hinterleuchtete Glaskörper, die die Präsenz der Apotheke sowohl zur Zeppelinstraße als auch zur Mall sichtbar verstärken. Sie nehmen die Sprache des bestehenden Entwurfs selbstverständlich auf und führen sie konsequent weiter. Moderne Kassentechnik wurde integriert, ohne das Erscheinungsbild zu verändern. In den neuen Schaufenstern zur Passage entstanden transparente Freiwahlregale aus Glas mit beleuchtetem Logo und gotischem „A“. Der Beratungsraum fand seinen Platz. Der Brunnen blieb. Die Materialien blieben. Die Einrichtung blieb.

Was nicht ergänzt werden musste, wurde nach fünfzehn Jahren intensiver Nutzung lediglich aufpoliert.

Der Umbau erfolgte dabei weitgehend während des laufenden Betriebes.

Heute ist kaum noch zu erkennen, wo der ursprüngliche Entwurf endet und die Erweiterung beginnt.

Wenige Jahre später stellte sich die Apotheke erneut einer existenziellen Herausforderung.

Mit dem Besitzerwechsel forderte der Amtsapotheker die Gewährleistung der Diskretion am HV-Tisch. Ausgerechnet der kommunikative Mittelpunkt der Apotheke, ihre Leistungsfähigkeit und ihre Organisation standen plötzlich auf dem Prüfstand.

Auch diesmal bestand die Aufgabe nicht darin, etwas Neues zu gestalten.

Die Aufgabe bestand darin, das über Jahrzehnte entwickelte System zu erhalten und gleichzeitig den neuen Anforderungen gerecht zu werden.

Die konzipierten und berechneten Abtrennungen aus mattiertem Glas überzeugten den Amtsapotheker und bewahrten zugleich die Funktionsfähigkeit der Apotheke.

Die Apotheke am Neumarkt wurde nicht für den Tag ihrer Eröffnung entworfen.

Sie wurde für ein langes Leben entworfen.

Vielleicht erklärt gerade das, warum sie nach Jahrzehnten intensiver Nutzung nicht ersetzt werden musste, sondern immer wieder mit derselben Sorgfalt weiterentwickelt werden konnte.

Nicht gegen den ursprünglichen Entwurf.

Sondern aus ihm heraus.


Weiterführende Informationen

Porträt der Apotheke am Neumarkt in der Deutschen Apotheker Zeitung, DAZ

Projekte, Detailaufnahmen und Referenzen zum Thema Apothekendesign finden Sie auf unserem Pinterest-Board:

Pinterest-Board „Design Apotheke“

Projektdaten

  • Projekt: Apotheke am Neumarkt
  • Adresse: Neumarkt 2, 50667 Köln
  • Entwurf: Klaus Bürger
  • Neubau: 1998
  • Erweiterung: 2013
  • Gesamtfläche: 215 m²
  • Besonderheiten: Außergewöhnlich erfolgreicher Standort zwischen PAN-Klinik und Neumarkt-Galerie · Über Jahrzehnte mehrfach weiterentwickelt · Erweiterung 2013 weitgehend im laufenden Betrieb · Ergänzung des schwarzen Granitbodens ohne sichtbaren Übergang · Erweiterung des HV-Tisches auf sieben Kassen mit hinterleuchteten Endmodulen · Erhalt und Aufarbeitung der bestehenden Einrichtung statt Austausch · Konzept zur Wahrung der Diskretion bei Erhalt aller sieben Kassenplätze

Wenn auch Sie nicht nach kurzfristigen Trends suchen, sondern nach einer Lösung, die über Jahrzehnte trägt, sich weiterentwickeln lässt und ihren Wert bewahrt, freuen wir uns auf den persönlichen Austausch mit Ihnen.

Telefon: 02151 736005

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